Märchen - uralt und ewig jung

Kaleidoskop 
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die Ahnen geschaut
brunnentief
Du Urgrund, DU!

... und Licht
nach oben schauend
Heil der Innenwelt
- nahe mir. 

Jutta Weindl 08/2024


Das Lumpenkind


In einem grauen Schloss am Meer lebte einst ein alter Edelmann, der war reich, aber allein, denn Frau und Kinder waren ihm gestorben. Nur die kleine Enkelin war ihm geblieben, doch die hatte er noch nie angeschaut. Er hegte bitteren Hass gegen sie, da seine Lieblingstochter bei der Geburt das Leben gelassen hatte. Als ihm die alte Kinderfrau das Neugeborene reichen wollte, hatte er einen Schwur getan: Er werde dem Kind nie, nie ins Gesicht blicken. 

 Und so saß der alte Lord tagein tagaus am Fenster, starrte hinaus aufs Meer und weinte bittere Tränen um seine tote Tochter. Jahr um Jahr saß er so; Bart und Haare waren ihm darüber weiß geworden und so lang gewachsen, dass sie bis auf den Boden hinab reichten. Und seine Tränen tropften auf den Fenstersims und höhlten den Stein aus und rannen die grauen Mauern hinab ins Meer. 

 Seine kleine Enkelin aber wuchs heran, ohne dass sich jemand um sie kümmerte. Nur die alte Kinderfrau steckte ihr, wenn niemand in der Nähe war, verstohlen ein paar Reste aus der Küche zu, oder einen zerrissenen Rock aus dem Lumpensack. die anderen aber stießen die Kleine herum und zeigten mit dem Finger auf sie. Sie lachten über ihre bloßen Füße und nackten Schultern und riefen: „Lumpenkind, Lumpenkind!“, bis das Mädchen weinend davonlief und sich in den Büschen verbarg. So wuchs Lumpenkind auf ohne ein gutes Wort und verbrachte die Tage draußen im Feld und hatte keinen Platz am Tisch und kein Bett für die Nacht und hatte niemanden auf der Welt. 

          Doch: Einen gab es, der war für sie da, das war der kleine Gänsehirt. Immer, wenn Lumpen-

kind Hunger litt, wenn sie traurig war oder fror, spielte er für sie auf der Flöte - so fröhlich, dass sie Kummer und Sorgen vergaß und zu tanzen begann. 


 Eines Tages nun kam die Kunde, der König werde in der nahen Stadt einen großen Ball für die Edlen des Reiches geben.  Auf dem Ball sollte sich der Prinz, sein einziger Sohn, eine Braut wählen. Auch in das graue Schloss am Meer erging eine Einladung. Die Diener trugen sie zum alten Lord hinauf; der saß wie immer am Fenster, gehüllt in sein langes weißes Haar, und starrte weinend in die Ferne. Doch als der Lord die Einladung des Königs sah, trocknete er seine Tränen, legte kostbare Kleider und Juwelen an und befahl, seinen Schimmel zu satteln und mit Gold und Seide zu schmücken. 

 Auch Lumpenkind hatte von den großen Festlichkeiten gehört und saß weinend bei der Küchentür, weil sie nicht mitdurfte, um sich alles anzuschauen. Als die alte Kinderfrau ihr Schluchzen hörte, ging sie zum Schlossherrn und bat, dass er doch seine Enkeltochter mit auf den Ball nehmen möge. Aber der alte Lord runzelte nur die Stirn und befahl ihr zu schweigen. Und die Diener sagten: „Lumpenkind gehört nicht auf den Ball. Wenn sie tanzen will, so soll der Gänsehirt für sie spielen.“ Die alte Kinderfrau versuchte es noch ein zweites und ein drittes Mal beim alten Lord, aber der schüttelte nur den Kopf. Als sie zurück in die Küche ging und Lumpen-

kind trösten wollte, hatte die Köchin das Kind längst fortgejagt. 


Lumpenkind lief zu ihrem Freund, dem Gänsehirten, und klagte ihm ihr Leid. Da sprach er: „Ach, weine doch nicht; sei guten Mutes. Wenn der Lord dich nicht mitnimmt, dann will ich es tun. Wir beide gehen zusammen in die Stadt, und da bekommen wir gewiss etwas von den Herrlichkeiten zu sehen!“ Doch Lumpenkind ließ den Kopf hängen und schaute traurig auf ihren zerlumpten Rock und die nackten Füße. Da nahm der Gänsehirt seine Flöte und  blies eine lustige Melodie, und da wurde sie so fröhlich, dass sie ihren Kummer vergaß. Und bevor sie sich´s versah, hatte er sie bei der Hand gefasst und zog sie mit sich; und so tanzten sie, die Gänse voraus, die Straße hinab, die zur Stadt führte. 

 Sie waren noch nicht weit gekommen, da begegnete ihnen ein schöner Jüngling mit kost-baren Kleidern auf einem prächtigen Pferd, der fragte sie nach dem Weg zu der Stadt, wo der Ball stattfinden sollte. Fröhlich rief Lumpenkind: „Reitet nur immer geradeaus, wir sind auch auf dem Weg dorthin!“ Doch da stieg er vom Pferd und ging neben ihnen her. Und der Gänsehirt holte seine Flöte hervor und begann eine schöne Melodie zu spielen. Der Fremde aber konnte seinen Blick nicht abwenden vom holden Gesicht des Mädchens, und er entbrannte in Liebe zu ihr, so sehr, dass er sie bat, seine Frau zu werden. 

    Doch Lumpenkind schüttelte lachend den Kopf: „Da würde man Euch schön auslachen, wenn Ihr ein Gänsemädchen heiraten wolltet. Wählt Euch eine der vornehmen Damen, die Ihr heut´ Abend auf dem Ball des Königs seht, und macht Euch nicht lustig über ein armes Lumpenkind!“ 

Der schöne Fremde aber gab nicht auf. Und je mehr sie sein Ansinnen abwies, desto süßer erklang die Hirtenflöte und desto stärker wurde seine Liebe zu Lumpenkind. Und zum Beweis, dass er es ernst meine, bat er sie: „Sei um Mitternacht auf dem Ball - so, wie du bist, mit deinem zerrissenen Rock und mit den bloßen Füßen, und der Hirt und die Gänse sollen dich begleiten. Und ich will vor dem König und den Edlen des Reiches mit dir tanzen und ich allen vorstellen als meine geliebte Braut!“ 

       Wie es Mitternacht war und der Ballsaal in hellem Licht erstrahlte und die vornehmen Damen

und Herren sich zur Musik im Tanze schwangen, da öffneten sich Schlag zwölf die Flügeltüren und Lumpenkind trat herein, gefolgt vom Gänsehirten und der schnatternden Gänseschar. Sie schritten geradewegs durch den Saal, während alle sie anstarrten und die Damen miteinander flüsterten und die Herren lachten und der König auf seinem Thron verwundert aufblickte. An seiner Seite aber saß der schöne Fremde, denn er war niemand anderes als der Prinz, der sich nun erhob und auf Lumpenkind zuging. Er nahm sie bei der Hand, führte sie vor den Thron, und vor allen Leuten küsste er sie dreimal. Dann wandte er sich zum König und sagte: „Vater, ich habe meine Wahl getroffen. Dies ist meine Braut, und keine im ganzen Land ist mir lieber!“ 

 Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da setzte der Gänsehirt die Flöte an die Lippen und begann, eine leise Melodie zu blasen, die schwebte so leicht durch den Saal, wie das Lied eines Vögleins im Walde. Und wie er so spielte, da verwandelten sich die Lumpen des Mädchens in ein herrliches Kleid, das glänzte und war ganz mit Juwelen besetzt, und eine goldene Krone strahlte in ihrem goldenen Haar, und die Gänse wurden zu Pagen, die ihre lange Schleppe trugen.


 Da erhob sich der König von seinem Throne und hieß sie von Herzen willkommen als Braut seines Sohnes und als seine liebe Tochter, und die Fanfaren erklangen zu Ehren der neuen Prinzessin, und das Volk auf der Straße rief: „Ah!“ und jubelte: „Der Prinz hat gut gewählt! 

Das schönste Mädchen im ganzen Lande!“ 

 Der Gänsehirt aber war verschwunden, als sein Lied verklungen war, und niemand wusste zu sagen wohin. 


Der alte Lord kehrte zurück in sein Schloss am Meer. Bei Hofe bleiben wollte er nicht, hatte er doch geschworen, seine Enkelin niemals anzusehen. Und dort sitzt er wohl weiter am Fenster, weint Tränenbäche um seine verlorene Tochter und starrt traurig aufs Meer hinaus.